Plötzlich bin ich Lehrer


Die ersten drei Arbeitswochen sind geschafft und ich selbst auch. Jeden Abend falle ich wie Tod ins Bett. So richtig Alltag und Routine habe ich noch lange nicht erreicht, jeden Tag passieren tausend neue Sachen, somit kann ich euch vorerst nur einen kleinen Eindruck vermitteln. Wahrscheinlich sieht nächste Woche alles schon wieder ganz anders aus. :)

Drei Tage in der Woche arbeite ich an der Linda South Primary School, eine viel zu kleine Schule in einem Compound. Als Compound bezeichnet man hier die Stadtviertel, in denen Menschen mit geringen bis sehr geringen Einkommen leben. Unterrichtet werden hier circa 360 Schüler von Klasse 1 bis 7. Da die Schule aber nur drei Klassenräume besitzt, wird in zwei Perioden unterrichtet, dass bedeutet Klasse 4 bis 7 haben vormittags und Klasse 1 bis 3 nachmittags Unterricht. Wer nun richtig mitgedacht hat, stellt fest, dass dann ja trotzdem ein Zimmer fehlt. Um diesen Problem zu lösen, hat man eher notdürftig einen Raum für Grade 5 geschaffen. Das ist mein Klassenzimmer. Drei unverputzte Ziegelwände, die nicht bis zu Decke reichen, darüber ein Wellblechdach. Die Tafel ist mehr oder weniger einfach dicke, dunkle Farbe an der Hauswand, an der das Zimmer angrenzt. Eine Tür haben wir nicht, dafür aber den luftigsten Raum der Schule ;-)

 

Gemeinsam mit dem Klassenlehrer gestalte ich den Unterricht von Grade 5, was eine riesige Herausforderung ist, denn die Klasse besteht aus 47(!) Schülern. Zurzeit bin ich für den Sportunterricht, Intergrated Science (naturwissenschaftlicher Unterricht) und Technology Studies (technischer, handwerklicher Unterricht) verantwortlich. Zu meiner eigenen Überraschung stand ich schon an meinem zweiten Arbeitstag allein vor der Klasse und war seit dem plötzlich „Teacher Susann“.

 

Grundlegend ist das Niveau einer fünften Klasse in Deutschland nicht mit dem zu vergleichen, was ich hier erlebe. Die Bedingungen sind einfach ganz andere. Zuhause üben und lernen die Kinder mit den Eltern, jeder hat ein Lehrbuch und eine ganze Schiefermappe mit Stiften. Mir stehen für 47 Schüler in jedem Fach 7-9 Lehrbücher zur Verfügung, kaum ein Schüler besitzt jeweils einen Bleistift und einen Kuli und wenn die Kinder nach Hause gekommen, wird gearbeitet und nicht für die Schule geübt. Der in Deutschland möglichst vermiedene Frontalunterricht ist hier auch in den älteren Klassen gängige Praxis, wodurch es auch den Besten schwerfällt, selbstständig zu denken und eigene Ideen zu entwickeln. Meistens reicht es einfach aus, die Unterrichtsnotizen von der Tafel abzuschreiben und auswendig zu lernen, um die Prüfungen zu bestehen.

 

Dem habe ich versucht in den letzten Wochen entgegen zu wirken. So viel wie möglich wollte ich die Schüler praktisch erfahren lassen. Beispielsweise führten die Schüler ein simples Experiment durch, um zu erfahren, wie Hefe „wächst“, was ein großer Spaß war. In „Technology Studies“ stellte mich das Thema Computer vor eine interessante Aufgabe. Auf meine erste Frage, wer von ihnen schon einem jemanden am Computer arbeiten sehen hat, sah ich nur ein Drittel der Hände in der Luft. Wie verstehen Kinder am besten die Funktionsweise eines Computers? Durch Probieren! Nach ein wenig Theorie zum Aussehen eines Desktops, durften die Schüler immer in Dreiergruppen selbst an meinem Laptop ausprobieren, wie eine Maus funktioniert, das Öffnen und Schließen von Programmen oder das Tippen auf der Tastatur. Es war spannend zu beobachten, wie schnell sie einige Grundprinzipien verstanden. Natürlich waren es nur ein paar Schnuppermomente, Spaß gemacht hat es trotzdem allen.

 

Am Nachmittag bieten wir für die älteren Schüler Sport Activities an. Wir spielen Volleyball, Fußball und Netball (eine weitverbreitete Sportart im südlichen Afrika, ähnlich dem Basketball). Fabian, mein Projektpartner, übernimmt das Fußballprogramm. Ich habe mich für das Volleyballtraining bereit erklärt. Wir müssen noch viel üben, aber die Jungs und Mädchen sind motiviert und haben Spaß. Selbst wenn wir nicht zu Profis werden, ist es wunderbar zu wissen, dass sie ihren Nachmittag sinnvoll verbringen, Sport machen und nebenbei Fairness, Disziplin und Respekt lernen. Am Ende des Trainings setzen wir uns immer zusammen und reden kurz über Themen wie Hygiene, Teamgeist, HIV/AIDS… Diese kleinen Einheiten sind mir besonders wichtig, denn so haben wir die Möglichkeit den Kindern wichtiges Wissen durch den Sport zu vermitteln.


Computer Studies in Simoonga

Die anderen zwei Tage in der Woche arbeite ich an der Simoonga Primary School. Simoonga ist ein recht großes Dorf, welches circa 20 Minuten Autofahrt von Livingstone entfernt liegt. „Village“ (englisch für „Dorf“) bedeutet hier in Sambia, dass die Häuser aus Lehm und Strohdächern gebaut sind. Die Schule Auch die Simoonga Primary School hat ein Platzproblem und so wird auch hier in zwei Perioden, vormittags und nachmittags unterrichtet. Die Kinder gehen hier von Klasse 1 bis 9 zur Schule. In Klasse 8 und 9 sieht der sambische Lehrplan Computerunterricht vor, was sich an einer Schule, wie in Simoonga etwas schwierig darstellt. Glücklicherweise besitzt die Schule 3 (gespendete) Computer, die jedes Mal auf und abgebaut werden müssen um Diebstahl zu verhindern. Mit diesen drei Computern versuche ich den Acht- und Neuntklässlern Grundlagen in Microsoft Word und Microsoft Excel zu vermitteln. Gemeinsam mit einem anderen Lehrer vermitteln wir Praxis und Theorie, wobei ich (glücklicherweise) den Theorieteil übernehme.


An den Nachmittagen sind Fabian und ich auch hier für sinnvolle Freizeitbeschäftigung durch Sport verantwortlich. Da ich in den letzten Tagen immer wieder krank war, konnten wir das noch nicht so oft durchführen. Doch jetzt geht es mir wieder gut und wir können richtig starten.


Doch ich kann nicht nur Positives berichten. An beiden Schulen habe ich miterlebt, wie Kinder von Lehrern zur Strafe mit Stock oder der flachen Hand geschlagen werden. Das mitanzusehen tat mir wahrscheinlich genauso weh, wie den Kindern die Schläge. Ich kann und will das nicht akzeptieren, auch wenn diese Praxis an vielen sambischen Schulen als üblich gilt. Schmerz wird zum Grund, sich zu benehmen und zu bemühen. Mir fällt keine schlechtere Motivation ein. Leider spiegeln viele Kinder die erfahrenen Schläge von Zuhause oder der Schule, auch in ihrem eigenen Verhalten wieder. Den Kindern andere, gute Wege zur Konfliktlösung zu vermitteln, wird nicht leicht. Ich bemühe mich sehr darum und versuche auch Einfluss auf die Lehrer zu nehmen. Wie erfolgreich ich damit sein werde, weiß ich noch nicht. Auch wenn man in einem fremden Land viele Gepflogenheiten akzeptieren sollte, werde ich definitiv nicht meine Augen schließen, wenn Kinder geschlagen werden.

 

Ungern will ich diesen Beitrag mit so einem negativen Thema enden lassen. Meine Arbeit macht mir viel Spaß, ich freue mich unheimlich auf die nächsten Wochen und mein Kopf ist voll mit kleinen Ideen, die nur noch auf ihre Umsetzung warten. Während es in Deutschland immer kälter wird, wird es hier jeden Tag heißer.

 

In diesem Sinne,

Sonnige Grüße aus Sambia! :)


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