Auf Wiedersehen, Sambia! – Vielen Dank für´s Lesen

Unglaublich, zwölf Monate sind vorbei. Die Zeit verging viel schneller als gedacht. Ein unfassbares Jahr voller neuer Erfahrungen, Eindrücke, guter Tage und weniger guter Tage, verändernden Begegnungen und weltbildveränderten Erkenntnisse, liegt nun hinter mir.

 

 

Ich möchte mir an dieser Stelle recht herzlich bei all meinen Unterstützern bedanken. Sie haben mir dieses Jahr ermöglicht und ich kann es gar nicht in Worte fassen, wie viel mir das bedeutet.

 

VIELEN, VIELEN DANK!

 

Ich freue mich übrigens unheimlich über alle neugierigen Fragen und Gespräche!

 

 

Mit diesem Eintrag werde ich meinen Blog nun schließen. Vielen Dank für´s Lesen! Untenstehend finden Sie ein paar Gedanken aus meinem Abschlussbericht. Sie handeln darüber, was denn eigentlich nun am Ende eigentlich bleibt.

 

Wer weiterhin auf dem Laufenden bleiben möchte, kann sehr gern die Blogs meiner NachfolgerInnen verfolgen:

Meike

Sophia

Hanna

Jan Olaf

Michelle

Immo

 

Tschüß und vielen Dank,

eure Susann

 

Irgendetwas zwischen Abschiedsschmerz und Vorfreude - Gemischte Gefühle am Flughafen
Irgendetwas zwischen Abschiedsschmerz und Vorfreude - Gemischte Gefühle am Flughafen

Was habe ich hinterlassen?

 

 

Über das Jahr habe ich mich in vielen verschiedenen Bereichen engagiert und eingebracht. Doch was hatte nachhaltig Sinn? Was wird bleiben?

 

 

Natürlich werden Dinge wie der neu errichtete Netballplatz oder die schicken Handballmaterialien bleiben. Doch was wirklich zählt, sind die zahlreichen Erfahrungen und Erinnerungen der Kinder an große Sportereignisse, lehrreiche Stunden zur Sexualpädagogik, kleine Spiele und all die erlernten Charaktereigenschaften, wie Fairness und Respekt. Besonders stolz bin ich auf mein Handballteam. Die Kinder für eine neue, fantastische Sportart begeistern zu können und hart mit ihnen zu trainieren, hatte für mich eine besondere Bedeutung. Für mein Herzensprojekt war es mir besonders wichtig, dass es fortgeführt wird. Durch eine lokale Cotrainerin und die große Motivation meiner Nachfolgerin kann ich mir (fast) sicher sein, dass diese Bemühungen nicht umsonst waren. Durch unseren Workshop, in dem wir Regeln und Spielweise an sportengagierte Livingstoner vermittelten, haben wir die Basis für neue Trainer und Trainerinnen und somit weiteren Teams geschaffen.

 

 

Doch nicht nur diese greifbaren Dinge werden bleiben. In langen Gesprächen mit Lehrern oder Freunden über das Leben und die Kultur in Deutschland, konnte ich mit Vorurteilen über meine Heimat aufräumen, neue Denk- und Sichtweisen einbringen und Kontakte zwischen Menschen herstellen.

 

 

Das habe ich hinterlassen.

 

 

Jedoch sind all diese Dinge nichts dagegen, was dieses Jahr in mir hinterlassen hat.

 

 

Ich habe sehr viele positive und einige negative Erfahrungen gemacht. Ich habe in einer völlig anderen Kultur gelebt, gegessen, gelacht, geweint,und festgestellt, dass sie vielleicht doch gar nicht so anders ist, wie man dachte. Ich habe Vorurteile über Bord werfen müssen, um mich unbefangen auf alles Neue einlassen zu können. Ich habe Fehler gemacht, ich bin gescheitert. ich musste an meine Grenzen gehen. Dem Bewusstsein, was ich alles kann, folgte die Erkenntnis darüber, was ich alles nicht kann.

 

Dieses Jahr hat Spuren in mir hinterlassen und mir Erkenntnisse gebracht, die ich nie missen möchte. Insbesondere geht es dabei um meine Identität als Frau, Deutsche, Europäerin, Weiße, … in der Welt.

 

 

Dazu vielleicht ein Beispiel:

 

Zu Beginn meines Jahres hat es mich furchtbar geärgert, dass immer alle dachten ich hätte unendlich viel Geld und wäre unsterblich reich. Zu diesem Urteil kamen viele Leute aufgrund meiner weißen Hautfarbe. Ich fande es ungerecht, so beurteilt zu werden und fühlte mich mit meinem weltwärts-Taschengeld nun wirklich nicht reich. Ich konnte nicht verstehen, wie die meisten Leute in Livingstone so undifferenziert denken konnten. Doch im Laufe meines Aufenthaltes begann ich, ohne Gehaltserhöhung oder Ähnlichem, zu verstehen: Die Leute haben recht. Ich bin reich. Und die anderen Weißen um mich, seien es Europäer, Amerikaner oder Südafrikaner sind auch reich. Erstens sind die meisten Weißen in Livingstone Touristen und die haben nun mal im Vergleich zu dem Durchschnittsbürger Livingstones sehr viel Geld, denn sie können sich teure Safari und schicke Hotels leisten. Dass es auch in Deutschland Obdachlose und arme Menschen gibt, bekommt man hier nicht zu sehen.

 

 

Doch ich war kein Tourist, sondern nur Freiwilliger. Und dennoch bin ich reich. Warum? Weil ich finanzielle Sicherheit besitze. Das bedeutet, wenn mein Fahrrad kaputt geht, oder ich ins Krankenhaus muss, wenn Handys geklaut wurden, oder der Kühlschrank repariert werden muss, dann war das kein großes Problem. Ausgaben, die man im monatlichen Budget nicht mit einrechnet, waren, auch wenn es zurerst vielleicht schwierig aussieht, schlussendlich immer machbar. Irgendwo hatte man sich schon etwas Geld zurückgelegt. Ich musste mir keine großen Sorgen machen, ich werde im Alter Rente beziehen, und bei Berufsunfähigkeit nicht am Hungertuch nagen. Ich bin reich, weil alle alttäglichen Herausforderungen, nie meine Existenz gefährden. Diesen Reichtum besitzen viele Menschen hier nicht. Eine Reparaturrechnung von 300 Kwacha, circa 30€, stellen ein plötzlich ein unüberwindbares Hindernis dar. Jetzt denkt man als neunmalkluger Europäer, der die Welt verstanden hat, warum legen diese Leute denn nicht etwas Geld zurück? Das ist einfacher gesagt als getan, denn selbst wenn am Ende des Monat etwas von deinem Gehlt übrig sein sollte, dann hast du immer noch eine Familie. Und mit Familie meine ich nicht deine Eltern, Kinder und Geschwister, sondern Cousinen, Tanten, Großcousinen, Schwager, etc. In einer Gesellschaft mit sehr geringer staatlicher Absicherung stellt deine Familie das Netz dar, dass dich auffängt. In Sambia würde kaum jemand einem Familienmitglied die Hilfe verweigern, denn im nächsten Augenblick bist du vielleicht selbst in Not.

 

 

Was ich mit diesem Bespiel sagen möchte, ist, dass ich gelernt habe, dass ich Dinge, Verhaltensweise und Traditionen anderer Kulturen nicht mit meiner europäischen, bzw. deutschen Sichtweise beurteilen kann. Ich habe verstanden, dass man erst den Hintergrund, kulturelle Zwänge, historische Verknüpfungen beleuchten muss, bevor man jemanden für sein Verhalten verurteilen könnte.

 

 

Außerdem habe ich ein Bewusstsein für mich selbst entwickelt. Viele Dinge kann man an sich selbst ändern, um sich in einer anderen Kultur einzuleben und zu integrieren, um dort gut leben zu können. Doch man sollte nicht alles über Bord werfen. Sich trotz Anpassung und Respekt der ansässigen Lebensweise sich selbst treu zu bleiben, ist ein Spagat, den es sich zu üben lohnt. Denn nur so konnte ich herausfinden, was mir an meiner eigenen Kultur und kulturell bedingten Handlungsmustern gefällt, und was sich zu ändern lohnt.

 

 

Mein Blickwinkel auf so Vieles hat sich geändert. Seit einem Monat bin ich nun zurück in Deutschland und ich weiß nicht, wie oft ich die Sätze: „Nicht ganz Sambia ist arm.“ und „Afrika ist kein Land.“ gesagt habe.

 

 

Es ist schwer nach so kurzer Zeit den Versuch zu unternehmen, niederzuschreiben, was dieses Jahr in Sambia mit mir gemacht hat. Vieles ist noch sehr frisch und Reflektion gelingt besser aus der Ferne, doch eines ist mir glasklar:

 

 

Ein ganzes Jahr mit „weltwärts“ und dem ASC Göttingen nach Sambia zu gehen, war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Ich wünschte, jeder junge Mensch würde sich entschließen, diese Möglichkeit wahrzunehmen und sein Verständnis für die Welt und für sich selbst zu erweitern. Ich bin unglaublich dankbar, Teil dieses Programmes gewesen sein zu können und hoffe sehr, dass auch in Zukunft junge Menschen solch tiefgehenden Erfahrungen machen können. Der Wert dieses Programmes liegt nicht in der Entwicklungsarbeit, die wir „Weltwärtsler“ vor Ort vollbringen, sondern in der Entwicklungsarbeit, die während dieser Zeit in uns selbst vollbracht wird.

 

 

 

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